Offener Brief gegen sexistische Diskriminierung von Studierenden der Universität Münster

Studierende unserer Fakultät haben sich zusammengetan und diesen offenen Brief (als PDF) gegen sexistische Diskriminierung in der juristischen Ausbildung verfasst. Wir unterstützen dieses Vorhaben – spread the word!

Sehr geehrtes Dekanat, sehr geehrte Professor:innenschaft,
sehr geehrtes Unirep-Team,

circa die Hälfte der Studierenden der Rechtswissenschaft an der Universität Münster sind Frauen. Wir wollen später einmal Richterinnen, Staatsanwältinnen, Rechtsanwältinnen, Professorinnen, Politikerinnen und Vorstandsvorsitzende werden, kurz gesagt: verantwortungsvolle und einflussreiche Berufe ausüben.

Wir studieren ganz bestimmt nicht Jura, um später einmal bloß die „Ehefrau“ des „gutverdienende[n] Akademiker[s]“ zu sein, die im Urlaub „einen Nervenzusammenbruch [erleidet] und […] in das nahegelegene Krankenhaus zur Behandlung gebracht werden [muss]“, weil ihr Hund durch eine einstürzende Decke verstirbt.[1]

Im täglichen Uni-Kontext werden wir zuhauf mit solchen Sachverhalten und Konstellationen konfrontiert, die uns vermitteln, dass die oben benannten Positionen Männern vorbehalten seien:

  • Frauen wird in den allermeisten Sachverhalten eine dem „weiblichen“ Stereotyp entsprechende, untergeordnete (Neben-)Rolle zugewiesen: Ehefrau, Freundin, Nachbarin, Mutter. Diese Rollen sind konnotiert mit Attributen der Hysterie, Tollpatschigkeit oder Vergesslichkeit.
  • Demgegenüber sind die Unternehmer, Kaufmänner, Eigentümer, Hersteller, Verrichtungsgehilfen, Abgeordneten, Akademiker etc. mehrheitlich Männer.

Das bildet erstens unsere heutige Gesellschaft nicht richtig ab und verstärkt zweitens fragwürdige Klischees. Bestehende, oft internalisierte Stereotype über Frauen werden so reproduziert. Diese Reproduktion zeigt sich auch in den Vorlesungen: Wenn es in dem Sachverhalt doch mal eine weibliche Unternehmerin U gibt, schleicht sich nur allzu oft in der Fallbesprechung ein, dass auf einmal selbstverständlich von „dem“ U die Rede ist – so sehr sind wir schon daran gewöhnt, dass es immer ein „er“ ist.

Fast noch vernichtender ist die zweite Form der Diskriminierung, die zu den gelegentlichen sexistischen Kommentaren in den Vorlesungen hinzukommt:

  • Es gibt zahlreiche Sachverhalte, in denen Frauen schlichtweg nicht vorkommen und das nicht nur vereinzelt, sondern häufig auch aufeinanderfolgend in Kursskripten.
  • Zudem werden wir Studierende oftmals ausschließlich mit der männlichen Form angeredet: Etwa in der Vorlesung: „liebe Teilnehmer/Studenten/Kommilitonen“ oder in Skripten, Online-Lektionen und Klausuren: „der Klausurschreiber/der Examenskandidat/der Bearbeiter/der Verfasser“.

Liegt es außerhalb der Vorstellungsmöglichkeiten, dass Frauen in der Rechtswissenschaft und in der Gesellschaft existieren, einflussreiche Positionen übernehmen, Raum einnehmen und präsent sind?

Vielleicht sind die Beispiele unbeabsichtigt und unbewusst zu sexistischen Fallkonstellationen geworden. Dann bitte: Hinterfragen Sie.

Vielleicht sind die Sachverhalte Gerichtsentscheidungen nachgebildet und die darin enthaltenen Rollenbilder entsprechen einem Minimal-Ausschnitt der Realität. Na und? Es gibt auch andere Realitäten und andere Lebenswege von Frauen, die repräsentiert gehören.

Natürlich ist es in Ordnung, wenn sich eine Frau selbstbestimmt dazu entscheidet, Mutter und Hausfrau zu sein. Das heißt aber nicht, dass Sie als Professor:innen an diese Sachverhalte gebunden sind: Drehen Sie die Fälle einfach um. Spielen Sie mit Rollenbildern, indem Sie sie umdrehen; verkehren Sie Stereotype in ihr Gegenteil und es wird sich zeigen, wie absurd sie teilweise sind.

Die Fälle sexistischer Sachverhalte sind mitnichten Einzelfälle, wie es die hamburgische Studie „(Geschlechter)Rollenstereotype in juristischen Ausbildungsfällen“ beweist.[2] Vielleicht mag der rechtswissenschaftliche Inhalt einer Vorlesung für die juristische Ausbildung maßgeblicher und vorrangig sein. Die verwendete Sprache aber hat einen enormen Einfluss auf Sie und auf uns Studierende. Es ist zudem nicht sonderlich schwer, geschlechtergerechte Sprache und nicht-sexistische Sachverhalte zu verwenden.[3] Sehr wenige Professor:innen tun dies bereits, es ist also durchaus möglich.

Deshalb hier ein paar Lösungsansätze für die Zukunft:

Hinterfragen Sie Ihre eigenen Materialien und reflektieren Sie: „Welche Rollenbilder vermittele ich? Welche Folgen hat das?“. Holen Sie sich Unterstützung für die kritische Durchsicht bei Ihren weiblichen studentischen und wissenschaftlichen Hilfskräften und der Gleichstellungsbeauftragten und ändern Sie Ihre Sachverhalte. Dieses Thema liegt mit Sicherheit nicht zum ersten Mal auf Ihrem Schreibtisch. Das Problem ist bekannt und strukturell verankert. Wie wäre es mit einem Seminar zu Geschlechtergerechtigkeit für alle Lehrenden? Entwickeln Sie mehr Sensibilität für und im Umgang mit Diskriminierungen aufgrund des Geschlechts.

Wir wollen später einmal Richterinnen, Staatsanwältinnen, Rechtsanwältinnen, Professorinnen, Politikerinnen und Vorstandsvorsitzende werden. Und wir wollen, dass das in der juristischen Ausbildung an der Universität Münster anerkannt und angemessen abgebildet wird.

Mia Marie Kundy               Paula Aguilar Sievers                    Maren Prüfer
Sarah Gottstein                  Astrid Naundorf                             Leoni Lake
Charlotte Sommer             Jule Stebner                                    Safa al Hayek
Emma Teske                       Anna Meier                                     Nina Steinmetz
Rebekka Gengenbach       Selin Özgüc                                      Greta Aghamiri
Dilan Deniz Kilic                Johanna Schlingmann                  Anna-Laura Askanazy
Inga Niedersberg               Hannah Waegner                           Lina Elbel
Jessica Panhorst                Katharina Ramesohl                      Ann-Sophie Altorjay
Louisa Sistig                       Hannah Reith                                  Verena Goldapp
Katharina Ruck                  Leonie Kothe                                   Silvia Nwadiuto Chike
Martha Schuldzinski         Lisa Bauwens                                  Jana Goebel
Lea Evers                             Sarah Keßler                                    Natalie Lorenzen
Sonka Peters                       Sarah Aretz                                      Emely Gerspach
Annkathrin Lindert           Magdalena Schulz                          Amalia Kockerols
Isabel Hoffmann               Hannah Helene Hülsmeyer          Derya Neumann
Jennifer Höfling                 Anna Kebe                                       Sarah Wegener
Louisa Jechel                      Katharina Ramesohl                      Nina Wunderlich
Linn Bertelsmeier              Stefanie Moß                                    Anne Waack
Johanna Schlegelmilch     Franziska Brandenbusch              Eva Maria Bredler
Pia Storf                               Marlene Stiller                                 Jara Streuer
Natalie Kleinjan                 Rebecca Ohnesorge                        Lisa Schmidt
Marisa Schönewolf            Raze Baziani
Tim Nau                               Paul Leonard Enderle                    Sebastian Rümmelein
Benedikt Hüls                     Johannes Kühle                              Till Kammerlohr
Johannes Domsgen           Philipp Breder                                  Fabian Müller
Kolja Eigler                          Johannes Helmbold                       Timon Klöpfer
Isaak Bicks                           Pablo Meissner                                Daniel Arjomand
Lukas Hünemeyer              Jan Potthoff                                      Benedikt Neßeler
Yannik Dönnebrink            Daniel Leesmeister                         Thorben Pröpper
Jonathan Mommsen          Felix Welsch                                     Jan Wiemers
Philip Keeler                        Philipp Ziemons                              Till Stadtbäumer
Paul Bekker                          Laurenz Wulbeck                            Mathis Neuhäuser
Simon Haack                       Fabian Ollmert                                 Alexander Bonn
Paul Bohmann                     Jan Niklas Scharrenbroch            David Overmeyer
Jeremy Philipp                    Paul Stegemann                              Jost Weisenfeld
David Minkov                      Joshua Macheroux-Denault         Fabian Endeman

[1] So das Beispiel in einem kürzlichen Fall des Unirep-Klausurenkurses, der einer originalen Examensklausur des JPA Hamm entspricht (WS2021Kl18ZR09).

[2] Valentiner, Dana-Sophie: (Geschlechter)Rollenstereotype in Juristischen Ausbildungsfällen. Eine hamburgische Studie. Gleichstellungsreferat Universität Hamburg 2017, https://www.jura.uni-hamburg.de/media/ueber-die-fakultaet/gremien-und-beauftragte/broschuere-gleichstellung.pdf, (zuletzt aufgerufen am 16.12.2020).

[3] Siehe den beigefügten Leitfaden für eine diskriminierungsfreie und gendergerechte Sprache in juristischen Ausbildungsfällen, erstellt vom AKJ Bochum.

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